Pilger
18.02.2018

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Reise durch Jerusalem

Der Prinzenstuhl im Festsaal September 2014


Geschichte eines Stuhls.


Alles beginnt in der Zeughofstraße 3 in Berlin Kreuzberg. Dort arbeiten 1909 Tischler an zwei Eichenstühlen, die eine weite Reise vor sich haben. Die Firma J.C. Pfaff, Möbel und Raumkunst, ist bekannt für exquisites Mobiliar und hat dort ihre Werkstätten und Lagerräume. Der Auftrag ist ungewöhnlich. Es sollen Stühle für die Himmelfahrtkirche in Jerusalem gezimmert werden. Das einfache Inventar wird in den Werkstätten der Schnellerschule hergestellt. Doch die besonderen Stücke sollen aus Deutschland kommen. Einer der Stühle ist für den Herrenmeister des Johanniterordens Prinz Eitel Friedrich bestimmt, der andere für seine Gemahlin Sophie Charlotte von Oldenburg. Von Berlin geht es dann für die beiden hochwertigen Möbelstücke mit dem Schiff übers Mittelmeer nach Jaffa, von dort mit dem Zug zum Bahnhof in der deutschen Kolonie in Jerusalem und schließlich mit Kamelen auf den Ölberg.
Der Prinzenstuhl im Festsaal 1910
Beim Einweihungsgottesdienst der Himmelfahrtkirche 1910 stehen die Stühle in der Kaiser-Loge der Kirche und werden anschließend in den Festsaal gebracht. Dort empfängt der Herrenmeister nach dem Gottesdienst die Gäste: den türkischen Gouverneur, den Präsidenten des Evangelischen Oberkirchenrates, den Propst und die evangelischen Geistlichen, die drei Patriarchen, den Kustos der Franziskaner und den Generalkonsul mit seinem gesamten Korps. Im Hintergrund steht der Stuhl.
Herbert Samuel auf dem Prinzenstuhl
Als nach dem ersten Weltkrieg der britische Hochkommissar Herbert Samuel im Festsaal vereidigt wird, sitzt er auf dem Stuhl des Herrenmeisters und als 1921 Winston Churchill, Lawrence von Arabien mit Adallah ibn Husain über einen zukünftigen Staat Jordanien beratschlagen, ist er dabei. Dann verliert sich die Spur der beiden Schmuckstücke auf dem Ölberg.
Der Historiker Thorsten Neubert-Preine, der seit 1997 an der Festschrift für die Erlöserkirche arbeitet, widmet sich auch der ungewöhnlichen Sitzgelegenheit. Er findet heraus, dass der Stuhl des Herrenmeisters noch 1939 von dem Schreiner Abu Kemal auf dem Ölberg gesehen worden war. Im oder kurz nach dem 2. Weltkrieg gelangte der Stuhl dann in die Erlöserkirche, wo er bis zur Renovierung 1970/71 mit einem anderen Stuhl aus der Herrenmeisterwohnung in der Apsis stand. Der Stuhl der Prinzessin war vermutlich zu diesem Zeitpunkt schon verschwunden.
Nach der Renovierung holt der neugewählte Bischof der ELCJHL Daaud Hadad 1979 den Stuhl zurück in die Kirche, um ihn wohl als Kathedra zu nutzen. Doch man stellt ihn einige Jahre später zurück in die Sakristei. Dort steht er nun gute 30 Jahre und erschöpfte Pfarrer oder Plastiktüten finden hier ihren Platz.
Irgendwann entsteht die Legende, dass es sich bei dem Stuhl, um den Stuhl handele, auf dem der Kaiser 1898 bei der Einweihung der Erlöserkirche gesessen habe. Kaum einem fällt auf, dass auf dem Stuhl das sogenannte Ölbergkreuz zu finden ist, das erst 1909 für die Ölbergstiftung entworfen worden war und dass die verschwundenen wirklichen „Kaiserstühle“ runde Sitzlehnen gehabt hatten. In einem Bericht versucht Neubert-Preine 1998 dieser Legende ein Ende zu setzen, und schreibt: „Nach meiner Überzeugung gehört der „Prinzenstuhl“ ... historisch in den Festsaal der Auguste Victoria-Stiftung oder in den Chor der Himmelfahrtkirche auf dem Ölberg.“ Doch vergebens. Der Stuhl bleibt weitere 16 Jahre in der Sakristei.

Der Prinzenstuhl am Jaffator September 2014

Nun wurde im September der Entschluss gefasst den außergewöhnlichen Stuhl wieder nach Hause zu bringen. So wird er 16 Jahre nach dem Gutachten und 70 Jahren nach seinem Transport vom Ölberg in die Erlöserkirche wieder durch die Altstadt an seinen alten Platz in dem nun renovierten Festsaal der Stiftung gebracht.
Dort erzählt er von Kaisers Zeiten, der britischen Mandatsregierung, der Gründung Jordaniens, seiner Zeit als Kathedra und Plastiktüten.

von Michael Wohlrab