Pilger
18.10.2018

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Kennst du ihn?

Als in den Neunzigern im Kamin des heruntergekommenen Festsaals der Kaiserin Auguste Victoria Stiftung ein Gemälde eines Mannes gefunden wird, ist man ratlos. Das zerschlissene Portrait zeigt einen freundlichen Mann in den Fünfzigern. Doch auf der porösen Leinwand finden sich nicht nur Farbspritzer. Auf Brusthöhe klafft ein Loch. Der freundliche Herr war attackiert worden. Nun wurde das Bild restauriert und kam im Juni 2014 zurück an die Himmelfahrtkirche.


Von Michael Wohlrab

Lange wird über die Identität des Herrn gerätselt. Ist es der Schweizer Bankier Johannes Frutiger? Das Bild findet zunächst Asyl im archäologischen Institut auf dem Ölberg. Dort hängt es über der Tür eines Seminarraums und schaut den Studierenden bei der Arbeit zu und lauscht den Dienstbesprechungen des Teams von Evangelisch in Jerusalem.
Doch nun hat sich das Dunkel gelichtet. Der freundliche Herr ist niemand anders als Theodor Schneller. Zunächst bemerkt der ehemalige Propst Gräbe die Ähnlichkeit zwischen einem Bild in der Theodor-Schneller-Schule in Amman und dem Gemälde. Der Historiker Jakob Eisler bestätigt die Vermutung. Als in den frühen Fünfzigern die Glocken, Orgel und Fenster der ehemaligen Jerusalemer Einrichtung nach Amman überführt werden konnten, wurden auch 37 Kisten und 28 Säcke mit Büchern und anderen Gegenständen gerettet.

Bevor sie nach Stuttgart ins landeskirchliche Archiv überführt werden konnten, lagerte man sie u.a. auf der Auguste Victoria. Unter diesen Dingen muss auch das Porträt Theodor Schnellers gewesen sein.
Doch das Gemälde wurde zurückgelassen. Wer es im Kamin aus welchen Gründen versteckt hat, bleibt unklar. Auch wer den Schaden am Gemälde verursachte, wird sich wohl nicht mehr herausfinden lassen.

Theodor Schneller wuchs als ältester Sohn des Missionars Johann Ludwig Schneller, im Umfeld des Syrischen Waisenhauses auf. Seit 1885 unterstützte er seinen Vater und nach dessen Tod übernahm er selbst die Leitung des Syrischen Waisenhauses. Die britischen Behörden gestatteten Theodor Schneller 1923, nach dem er das Land zwischen 1920 und 1923 verlassen hatte, die Einrichtung wieder zu leiten. 1926 gründete er ein Lehrerseminar und erreichte 1927 die Wiedereröffnung der Anstalt in Bir Salem. Theodor Schneller starb am 16. April 1935 in Jerusalem und wurde dort - wie seine Eltern - auf dem Zionsfriedhof beigesetzt.

Als ehemaliger Kurator der Kaiserin Auguste Victoria-Stiftung war er der Himmelfahrtkirche eng verbunden.
Nach Restaurierungsarbeiten durch einen Restaurator des Israel Museums, Ghiora Elon, konnte das Gemälde am 16. Juni 2014 der Himmelfahrtkirche wieder übergeben werden und wird dort nun Teil einer Ausstellung über die die Schnellerschen Einrichtungen. Der Schaden auf Brusthöhe wurde konserviert. Vielleicht lässt sich das Rätsel doch noch lösen.