Pilger
16.08.2018

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Das Unsichtbare sichtbar machen

Ein Interview mit dem Filmschaffenden Maayan Blech über seinen ersten Film, die Kraft der Orgelmusik und die Himmelfahrtkirche.

Von Hanna Kreplin und Michael Wohlrab


Himmelfahrtkirche: Lieber Maayan Blech, dies ist Ihr erster Film. Worum geht es?

Blech: Der Film handelt von der Hoffnung, die Orgelmusik den Menschen gibt. Mehr noch als der Jazzmusiker oder jeder andere Musiker, spielt der Orgelmusiker aus der Seele. Bei der Orgel spielt man mit Händen und Füßen getrennt. Die Füße symbolisieren den Körper und die Hände die Gedanken. Mir sind nicht viele Instrumente bekannt, bei denen Hände und Füße gleichzeitig benutzt werden.
Besonders eindrücklich ist für mich Orgelmusik in Kirchen wie dieser hier, bei denen die Orgel hinter den Besuchern steht und man dadurch den Orgelspieler nicht sieht, sondern die Musik nur hört. Es ist faszinierend, dass da tatsächlich ein Mensch ist, der diese Musik hinter den Besuchern hervorbringt, obwohl sie die Musik nur hören. Mein Film handelt also von der Kraft der Orgelmusik - nicht nur von der Orgel und dem Organisten.
In dem Film tragen die Statisten blaue Kittel, die wir von einem Krankenhaus ausleihen konnten. So sollen sie psychisch und körperlich kranke Menschen repräsentieren.
Ich möchte deutlich machen, dass ein Zusammenhang zwischen Krankheit, Heilung und Musik besteht. Ein Arzt kann zwar seine Patienten behandeln, aber wie kann er ihnen Hoffnung geben? Der Film erzählt, dass es keine wirkliche Medizin und keine richtige Behandlung gibt. Alles ist in uns und wir können es letztendlich nicht sehen. So ist es auch bei der Orgel an diesem Ort. Man kann den Organisten nicht sehen, aber man kann die Musik fühlen. Das ist eine sehr spirituelle Erfahrung.

Himmelfahrtkirche: Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Blech: Ich bin Mitglied in der Orgelgesellschaft in Israel und obwohl ich selbst aus Tel Aviv stamme, besuche ich einmal im Monat ein Konzert in Jerusalem. Ich liebe Orgelmusik. In einem Film sieht man etwas, die Orgel kann man nur hören. Es ist eine unsichtbare Kraft.
Letztes Jahr hatte ich ein besonderes Erlebnis. Ich besuchte ein Orgelkonzert in Tel Aviv. Bei diesem Konzert wurde eine Kamera an der Orgel aufgestellt, die den Spieler während des Konzertes filmte. Die Aufnahmen wurden zeitgleich auf eine Leinwand übertragen, die vor den Besuchern aufgestellt war. Doch plötzlich brach das Bild ab, da die Batterie der Kamera leer war. Doch anstatt nur auf die weiße Leinwand zu blicken und sozusagen in sich selbst zu schauen, waren die Besucher verwirrt und begannen sofort nach hinten zum Organisten zu blicken. Doch für mich war das andere wichtig. Es war wie eine innere Vision, die etwas ganz anderes ist als Filme, das Fernsehen und Prime Time Shows. Dieses Erlebnis habe ich in meinem Film aufgenommen.

Himmelfahrtkirche: Sie haben also auch eine Leinwand in Ihrem Film. Wird das Bild auf der Leinwand auch irgendwann abbrechen?

Blech: Ja, natürlich. Ich habe versucht, diesen Moment zu reproduzieren. Wir haben den Organisten Gunter Goettsche gefilmt und die Statisten sahen ihn auf der Leinwand.
Es geht darum, das Unsichtbare sichtbar zu machen und der Film ist dabei das verbindende Medium. Die Himmelfahrtkirche war der beste Ort, um das zu zeigen. Sie hat eine warme Atmosphäre. Deswegen habe ich sie gewählt.

Himmelfahrtkirche: Was fasziniert Sie an der Orgel?

Blech: Es ist sehr schwierig auf einer Orgel zu spielen. Vor hundert Jahren brauchte man noch jemanden, der die Bälge tritt und auch heute noch jemanden, der die Seiten umblättert. Außerdem ist eine Person notwendig, die das Instrument mit Händen und Füßen kontrollieren kann. Man sieht nicht die harte Arbeit, die dahinter steckt. Und weil die Besucher das nicht sehen, denken sie, es käme von oben. Aber dahinter stehen drei Menschen, die das machen.
Auch unser Körper arbeitet sehr hart, aber wir fühlen das nicht. Wenn es einem gut geht, spürt man nicht, wie hart der Körper eigentlich arbeitet.

Himmelfahrtkirche: Kommen wir zu einem anderen Thema. Wie war es für Sie und Ihr Team in einer Kirche zu arbeiten?

Blech: Es war großartig. Niemand fand es problematisch in einer Kirche zu sein. Ich denke, Israelis mögen Kirchen, weil sie so wunderschön sind. Die Architektur ist einzigartig, besonders an diesem Ort. Synagogen sind nie so gebaut.
Viel schwieriger war es, die Leute hierher zu bringen, weil wir auch alte Statisten für den Film gewinnen wollten. Es ist einfach für einen Studentenfilm Studierende zu bekommen, aber wir wollten professionell arbeiten.
Da wir kein großes Budget für den Film haben, fragten wir bei der Stadt an, ob sie uns helfen könnten. Wir sagten ihnen, dass sie einen sehr schönen Tag in einer Kirche erleben würden.
Es kamen schließlich ungefähr 35 Personen im Alter von 70 Jahren. Da wir kein Geld hatten, einen Bus zu mieten, um sie von Pisgat Ze’ev oder Rishon Le Zion abzuholen, hat jeder von uns sein eigenes Auto genommen um sie abzuholen.
Für die Komparsen war es eine besondere Erfahrung. Sie kamen auf das Gelände und waren erstaunt, dass es hier eine solche schöne Kirche gibt. Es war aber eine seltsame Erfahrung für sie, die ganze Zeit in einer Kirche in Krankenhauskitteln auf eine Leinwand zu schauen und als das Bild ausfiel, waren sie noch erstaunter.

Himmelfahrtkirche: Sie haben ihnen nichts davon gesagt?

Blech: Nein, wir wollten, dass sie natürlich reagieren und ihre Überraschung zeigen.

Himmelfahrtkirche: Gibt es Synagogen mit Orgeln ins Israel?

Blech: Orgeln in Synagogen sind ein komplexes Thema. Sie sind zwar gestattet, aber viele wissen gar nicht, dass dem so ist. Die Orgel ist sogar das einzige Instrument, das in einer Synagoge erlaubt ist. Und es gibt auch einen Grund dafür. Wenn man auf einer Gitarre spielt und eine Saite reißt, kann man theoretisch die Saite ersetzen. Aber wenn eine Orgel am Shabbat kaputt geht und nicht mehr funktioniert, kann sie nicht einfach repariert werden. Daher ist die Orgel als Instrument in der Synagoge erlaubt, da sie nicht sofort repariert werden kann.
Leider gibt es generell nicht viele Synagogen mit Orgeln. In Tschechien oder der Ukraine vielleicht. Aber nicht in Israel.

Himmelfahrtkirche: Was hat Sie in Ihrem filmischen Schaffen beeinflusst?

Blech: Ich denke, die Einflüsse für meinen Film kommen eher von der Kunst und nicht vom Spielfilm. Ich mag keine amerikanischen Filme. Ich bevorzuge eher lange Aufnahmen und wenig Schnitte. Wie bei dem ungarischen Regisseur Béla Tarr. Die Einflüsse kommen also eher von der Kunst und der Fotografie.
Der Film beginnt mit einem Zitat von William Henry Fox Talbot, einem englischen Fotografen, der im 19. Jahrhundert gelebt hat, als die Fotografie erst populär wurde.

Himmelfahrtkirche: Wie geht es nun weiter?

Blech: Ich denke, zuerst müssen wir den Film fertig bearbeiten und den Sound hinzufügen. Danach werden wir versuchen, ihn bei internationalen Filmfestivals zu zeigen. Ich könnte mir auch gut eine Premiere hier bei Ihnen vorstellen.

Himmelfahrtkirche: Herr Blech, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Maayan Blech, 27, studiert Film und Regie an der Universität in Tel Aviv.
Sein Film über die spirituelle Kraft der Orgel wurde im Dezember 2013 und im Mai 2014 in der Himmelfahrtkirche auf dem Ölberg gedreht.