Pilger
16.08.2018

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Wie die Bundeslade in die Himmelfahrtkirche kam

1.April 2014. Es klingelt. Am anderen Ende meldet sich ein Mitarbeiter der BBC: „Wir haben gehört, dass es in Ihrer Kirche eine Replik der Bundeslade gibt. Können wir sie filmen?“
Was wie ein Aprilscherz klingt, wird schon wenige Tage später Wirklichkeit. In der Filmreihe „Treausures decoded“ soll es eine Folge über die Bundeslade geben. Das Filmteam beschäftigt sich einen ganzen Vormittag mit dem goldenen Kultgegenstand. Für den Filmeffekt wird Weihrauch entzündet und es werden Lichter installiert.


Schon 2012 wurde die Bundeslade in dem Comic Aufzeichnungen aus Jerusalem erwähnt. Guy Delisle schreibt über das ungewöhnliche Stück, das immer wieder die Aufmerksamkeit zahlreicher Besucher der Kirche findet.

Doch wie kam die Bundeslade in die Himmelfahrtkirche?

Die "Bundeslade vom Ölberg" hängt zusammen mit einem Künstler an der Schweizer Grenze. Dort lebt und arbeitet der mittlerweile 76jährige Manfred Missfelder. Mitten in dem kleinen Städtchen Jestetten, das hauptsächlich von Schweizern besucht wird, die dort zollfrei bei Aldi und Lidl einkaufen wollen.
Missfelder hat selbst in der Schweiz gearbeitet. Doch der gebürtige Königsberger entschließt sich, seine Arbeit in der Schweiz aufzugeben und zieht nach Jestetten.
Er kauft einen alten Bauernhof aus dem 18. Jahrhundert. Er liest die Bibel.
Dabei entsteht eine Idee, die ihn auf eine ungewöhnliche Reise bringen wird. Eine Reise, die durch 7 Länder führt, auf der er 5500 km zurücklegen wird. Zu Fuß, ohne Geld und zeitweise ohne Pass.

Anhand der Bibel und mit Hilfe eines Schreiners baut er die Bundeslade nach, die er selbst komplett vergoldet. Er will sie zu einem Symbol der Buße für die Verbrechen der Deutschen und zur Versöhnung machen. Er kauft einen kleinen Elektrowagen, den er hinter sich herzieht. Als die Bundeslade fertig ist, zieht er ein Kreuz durch Deutschland. Von Norden nach Süden und von Westen nach Osten. Nun steht die Bundeslade in Frankfurt/Oder. Doch es geht weiter. Missfelder beschließt sein Kunstwerk nach Israel zu bringen.

Im Jahr 1995 geht es los. Kein Hotel ist gebucht, kein Restaurant reserviert. Missfelder fragt Menschen nach Unterkunft, Essen und Strom. Der Wagen muss zweimal täglich aufgeladen werden. 35 km kann er so am Tag zurücklegen. Er lernt unzählige Menschen kennen, deren Sprache er nicht spricht und überall wird er aufgenommen, findet einen Schlafplatz und eine Steckdose. Er braucht kein Geld.

Die Reise führt ihn durch Polen, dann in seine Heimatstadt Königsberg. Er geht weiter über Litauen und Weißrussland nach Moskau. Dort wird ihm sein Rucksack gestohlen. Mit allen Dokumenten und den 300 DM, die er als letzte Reserve mitgenommen hatte. Doch ein russischer Geschäftsmann hilft ihm, er bekommt einen vorläufigen Pass und 200 Dollar, die er später noch brauchen wird. Er geht weiter.

Doch an der Grenze zur Ukraine will man ihn nicht durchlassen. Missfelder schimpft – zum ersten Mal. Ein Dolmetscher muss kommen. Er berichtet den Grenzern von seinem langen Weg, von der Freundlichkeit der Menschen, denen er begegnet ist und von dem Segen, der von der Lade ausgeht und den die Ukraine verpassen wird, wenn sie ihn nicht passieren lassen. Kurze Zeit später sitzt er auf der ukrainischen Seite der Grenze. Die Grenzer versorgen ihn mit einer Mahlzeit. Die fehlenden Dokumente sind vergessen. Weiter geht es über Georgien in die Türkei. Erst dort scheitert er an der syrischen Grenze und nimmt von der Türkei mit dem Geld des russischen Geschäftsmanns ein Boot bis nach Haifa. Das Ziel scheint erreicht.

Doch ausgerechnet im gelobten Land bekommt seine Reise einen tragischen Höhepunkt. Zwei Ultraorthodoxe finden die Idee, dass ein Goy mit einer Bundeslade durch Eretz Israel zieht, wenig amüsant. Während der eine Missfelder attackiert, versucht der andere die Bundeslade umzustoßen. Der Deckel der Lade fällt herunter, einer der Cherubim bricht ab. Während Missfelder seinen fliehenden Angreifer verfolgt, greift sein Kompagnon den gefallenen Engel und macht sich davon.

Mit nur einem Engel erreicht Missfelder Jerusalem. Die Bundeslade findet ihr zuhause in der Himmelfahrtkirche. Den zweiten Engel schnitzt Missfelder später nach und fliegt mit ihm ganz profan nach Tel Aviv.

Michael Wohlrab